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Es war einmal... Radio Berlin International (RBI)

Mit den Worten "Hier ist Radio Berlin International" meldete sich die "Stimme der DDR" am 2. Oktober 1990 zum letzten Mal aus dem Berliner Funkhaus in der Nalepastraße. Ich hatte im Juni 1989 die Erlaubnis erhalten, die Deutsche Redaktion in Ost-Berlin zu besuchen und hinter die Kulissen zu schauen. Am 2. Oktober 1995 sind es nun fünf Jahre her, dass diese "Stimme" aus dem anderen Deutschland verstummt ist. RBI wollte damals eine "Brücke nach drüben" sein. Erinnern wir uns.

Wie alles begann

Am 1. Mai 1959 demonstrierten 600.000 Westberliner für den Viermächtestatus und gegen die Spaltung der Stadt. Immer mehr Flüchtlinge wandern in den Westen. Der Rundfunk im Osten beginnt am 30. Mai 1959 mit einem deutschen Programm, das dreimal täglich um 7.00, 14.00 und 21.00 Uhr auf Kurzwelle nach Nahost ausgestrahlt wird. Zwar sendete man schon von 1953 Programme in englischer und französischer Sprache, später kamen noch Schwedisch, Dänisch und Arabisch dazu. Diese Sendungen konnten auch in Europa empfangen werden.

Im Funkhaus

Redaktionsleiter Dietrich Köber und DX-Redakteur Manfred Böhm (1995 bei RadioRopa Info) begrüßen mich bei strahlendem Sonnenschein im Garten des Funkhauses an der Nalepastraße. Überall wird am Funkhaus renoviert, denn das neunstöckige Gebäude hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Dietrich Köber erzählt: "...damals standen uns nur zwei Sende-Frequenzen zur Verfügung, eine im 31-m-Band (9730 kHz), die allerdings auch heute noch zu den RBI-Stammfrequenzen gehört, und eine im 25-m-Band. Heute strahlen wir das deutsche Programm in alle Sendegebiete der Erde ab. Gegenwärtig benutzen wir 24 Kurzwellen-Frequenzen und zwei Mittelwellen, nämlich 1359 und 1575 kHz. Das war natürlich mit einem ausbau der technischen und personellen Basis verbunden. Neue Kurzwellensender und neue Studios waren ebenso notwendig wie Journalisten und Fremdsprachen-Redakteure. Das alles kann man nicht aus dem Boden stampfen, denn die gesamte Technik wird von der Deutschen Post gestellt".

Im vierten Stock des Funkhauses, in dem auch die nationalen Programme untergebracht sind, befinden sich die Räume der "Stimme der DDR". Die deutsche Redaktion arbeitet in drei kleinen Räumen und in einem großen Konferenzraum. Insgesamt produzieren 19 Mitarbeiter zwei 30-Minuten-Programme, die im Zwei-Stunden-Rhythmus gesendet werden. Da gibt es zunächst das RBI-Informationsmagazin mit Nachrichten, dem Kommentar, aktuelle Innen- und außenpolitische Informationen, Berichte aus der Wirtschaft, der Sozialpolitik und Kultur sowie aus dem Alltag in der DDR. Am Montag gesellt sich der Sport und das DX-Programm dazu. Freitags bringt man die Sendung: "Die DDR und die sozialistischen Bruderländer" -  Beiträge über Zusammenarbeit und Perspektiven.

Jeden ersten Samstag im Monat gibt es die DX-Postecke und sonst die Hörerpost. Der Sonntag steht ganz im Zeichen des Friedens. Zum Beispiel die Sendung »Im Namen des Lebens - Aktionen für den Frieden«, »Unser Land - unser Lied«, der »RBI-Musikexpress« und die Sendung »DX-Spezial«. In der »RBI-Umschau« sendet man Nachrichten und Berichte aus dem Zeitgeschehen. Die Nachrichten werden täglich zweimal aktualisiert und kommen von der Zentralredaktion, die hauptsächlich Meldungen von der Agentur "ADN" verwendet. Man sendet in elf verschiedenen Sprachen.

Die gesamte Technik befindet sich im Erdgeschoss. Zwei moderne Studios werden für die Nachrichten, zwei für die Produktion von Umschau und Magazin gebraucht. Im computergesteuerten Sendezentrum stehen die vielen Abspieleinheiten der aufgezeichneten Beiträge, denn nur die Nachrichten werden "live" gesendet.

Der DX-Club

Manfred Böhm ist Leiter des RBI-DX-Clubs. Inzwischen gibt es weltweit über 5.000 Mitglieder. 1988 betrug die Hörerpost bei der deutschen Abteilung 26.000 Briefe aus 51 Ländern, davon aus der Bundesrepublik Deutschland 17.000. Der Club ist sehr beliebt, denn es gibt den "RBI-Wimpel", Hörer-Diplome und schöne QSL-Karten mit Ansichten aus der DDR.

MatratzeSenderstandorte

Vom Funkhaus an der Nalepastraße geht das Signal zur Hauptsendestelle Nauen. Schon 1924 wird von hier mit einem 1 Kilowatt-Sender nach Argentinien gefunkt. Vorher - bereits 1908 erreichen die "Tönenden Löschfunken" eine Weite von 1.000 Kilometer und seit dem 5. Januar 1917 wird auf der Wellenlänge "3900 Meter" das Nauener Zeitzeichen zweimal täglich abgestrahlt.

Nach Kriegsende besetzen sowjetische Truppen die Großfunkstelle und demontieren fast alles. 1951 beginnt der Wiederaufbau und 1978 sind drei moderne Sendezentren mit 500 Kilowatt-Sendern und 40 Vorhangantennen, die bis 160 Meter hoch in den Himmel ragen, im Einsatz. Vom Sendezentrum "Vier" wird mit 100 Kilowatt eine dreh- und schwenkbare Richtantenne eingesetzt. Die Mittelwelle 1359 kommt mit 100 Kilowatt aus Berlin und 1575 mit 250 Kilowatt aus Burg bei Magdeburg. Heute [1995] wird das Sendezentrum Nauen von der "Deutschen Welle" benutzt und zur modernsten Sendestation Europas ausgebaut.

Peter Schneider
Fotos: © Peter Schneider / RJ-Archiv

Aus RADIOJournal 9/1995

Frequenzübernahme: „Spiel mir das Lied vom Tod“ läutete beziehungsreich am Vortag zur deutschen Einheit die letzte Sendung von Radio Berlin International (RBI), dem Auslandsrundfunk der DDR, ein. Was über dreißig Jahre als Sprachrohr der SED über Mittel- und Kurzwelle in der ganzen Welt zu hören war, verlor mit dem 3. Oktober 1990 die Existenzberechtigung. Die von RBI genutzten Frequenzen übernahm die Deutsche Welle in Köln. Die von den Mitarbeitern zunächst gewünschte Kooperation mit dem westdeutschen „großen Bruder“ scheiterte wohl nicht zuletzt auch daran, dass der politische Tenor in den Sendungen auch nach der Wende eine PDS- und Bündnis 90-Anhängerschaft der Redakteure nicht verhehlte. In den Nachrichtensendungen wurden vor allem kritische Stimmen zur Wiedervereinigung zitiert. In einer Erklärung der Belegschaft zur Stillegung von Radio Berlin International wurde die „Nichteinbeziehung von Qualifikation, Kreativität und Engagement der RBI-Mitarbeiter als „widersinnig“, der „Umgang mit den Kollegen“ als entwürdigend und die „Missachtung legitimer Hörerinteressen“ als rücksichtslos bezeichnet. Eine Fusion habe man befürwortet, „jetzt werden lediglich die Frequenzen übernommen“. RBI-Intendant Klaus Fischer sprach in der letzten Sendung die Hoffnung aus, dass der künftige einheitliche Auslandsdienst „den zunehmenden Erklärungsbedarf über unser Land befriedigen“ könne. Den Abschluss der Sendung um 23.45 Uhr bildete die Nationalhymne der DDR. Am 3. Oktober, 0.00 Uhr, übernahm der Deutschlandfunk (DLF) die Mittelwellenfrequenzen 1575 kHz (ganz) und 1359 kHz (teilweise); die Deutsche Welle die Kurzwellenfrequenzen.
(Radio-Skala 9/1990)

• Die Deutsche Welle wird 21 Mitarbeiter des am 3. Oktober 1990 aufgelösten „Radio Berlin International“ (RBI) übernehmen. Sie sind in den bisher von RBI genutzten Räumen untergebracht. Etwa die Hälfte von ihnen wird in Technik und Verwaltung beschäftigt. Intendant Dieter Weirich sagte, die Deutsche Welle werde im Interesse „der Organisation eines starken Auslandsrundfunks“ die bisher von RBI genutzten Kurzwellensender weiterbetreiben. Sie bedeuteten eine „erhebliche Verbesserung der technischen Infrastruktur“.