RTL Radio Luxemburg
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»Wir senden Herzlichkeit

Rolf Düdder | © DIE ZEIT, 08.05.1970 Nr. 19

...und ein Satz Weltereignis«
Rezept von Radio Luxemburg

Helmut Stoldt ist mit sich und der Welt zufrieden, ein Mann, der Zweifel nicht kennt: "Wenn es uns nicht gäbe, wäre die Jugend nicht so gut geraten." Der elegante Mittfünfziger ist Direktor des deutschen Programms von Radio Luxemburg. Zwei von drei Teenagern in der Bundesrepublik sind Stammkunden dieses Senders. 15,5 Millionen Bundesbürger hören Radio
Luxemburg wöchentlich mindestens einmal - das ist eine größere Hörerbeteiligung als bei jedem deutschen Sender.

Radio Luxemburg zielt aufs Gemüt - Musik, Witze im frisch-fröhlichen Ton, Unverbindliches. Stoldt will sich "unmittelbar an die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten wenden". Wenn ein Hörer anruft, dass sein Hund entlaufen, oder wenn die Polizei mitteilt, dass eine Straße durch Unfall gesperrt ist, geht die Meldung sofort ins Programm. Der Sender strahlt es täglich zwölf Stunden über vier Wellen und nach 18.00 Uhr weitere sieben Stunden über die Ultrakurzwelle aus. Im Frühjahr und im Herbst werden bis zu fünfzehn Prozent der Sendezeit mit Werbung ausgefüllt.

Radio Luxemburg wird vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch bis Moskau und Leningrad gehört. Stoldt weiß aus der Hörerpost: "In der CSSR, in Ungarn, Rumänien und Polen bestimmen wir den musikalischen Trend. In den Kasernen der Ostblock-Staaten wird fast ausschließlich Luxemburg gehört." Die tschechische Zeitschrift Allgemeine Militär-Revue klagte: "Dieser Sender ist die raffinierteste Form der psychologischen Kriegsführung des Westens." Doch solche Anwürfe fechten Stoldt nicht an. "Für uns", sagt er, "sind die östlichen Länder werblich völlig uninteressant."

Der Programmdirektor mit dem preußisch korrekt gezogenen Scheitel reckt sein Gardemaß: "Wir haben auch zwei Redakteure." Sie betreuen das gesamte Neunzehn-Stunden-Programm in deutscher Sprache, werden das eingehende Agenturmaterial aus und sorgen für "human touch" -Meldungen, Nachrichten also, die ans Herz gehen. Die vier täglichen Nachrichtensendungen sind anderthalb bis zwei Minuten lang. Weltereignisse schrumpfen auf einen einzigen Satz zusammen. Wer Radio Luxemburg hört, weiß nicht unbedingt, wer Präsident der Vereinigten Staaten ist, aber dafür erfährt er, welche Automarke ein Schlagerstar, sagen wir, Ricky Shane bevorzugt.

Sexuelle Themen und solche aus dem Bereich der Kriminalität sind verpönt. Politische Kommentare werden im deutschen Programm nicht gesendet. Helmuth Stoldt sagt: "Wir umgehen auch Probleme wie LSD und Untergrundmusik. Die Abseitigkeit von Minderheiten interessiert uns nicht. Wir strahlen Herzlichkeit aus."

Er erreicht damit einen Durchschnittshörer, der nach einer Analyse des Senders so aussieht: 26 Jahre alt, Volksschulabschluss, Dreizimmerwohnung, ein bis zwei Kinder, arbeitet wöchentlich vierzig Stunden, verbringt seinen Urlaub in Italien oder auf Mallorca und hat täglich drei Stunden die "vier fröhlichen Wellen" im Ohr. Er ahnt nicht, wie sehr er ein Opfer der Manipulation durch Sendungen wird, die nichts weiter als Unterhaltung zu bieten scheinen.

Meinung wird jedoch nicht nur durch politische Kommentare und Leitartikel beeinflusst, sondern noch stärker durch die Verbreitung von Konsum und Denkgewohnheiten. Luxemburg
propagiert sie auf einem Niveau, das keine geistigen Ansprüche
stellt. Und hat Erfolg damit! Allein das deutsche Programm - weitere Programme werden in französischer, englischer und holländischer Sprache ausgestrahlt - wird in diesem Jahr 60 bis 70 Millionen Mark für Werbung einnehmen. Die Unkosten sind gering. Vierzig Prozent kassieren die Aktionäre des Senders.

Im deutschen Programm übt der Sender politische Abstinenz, doch wird niemand sagen können, wie lange das so bleibt. Vorerst wird nur der Prozess der Meinungsbildung auf einen Friedhof gekarrt, auf dem es nur so grün grünt, wie die großen Weißmacher es zulassen. Dafür sorgen die Discjockeys.

Timm Elstner, 27 Jahre alt, ist Chefsprecher des deutschen Programms. Für seine Hörer ist er "der Frank". Frank erhält wöchentlich rund dreitausend Briefe zumeist jugendlicher Verehrer und Verehrerinnen, für die er ein Star ist. Zum sorgfältig gepflegten Sportwagen-Image passt sein Gehalt
nicht; Radio Luxemburg zahlt ihm monatlich 2000 Mark. Allerdings dürfen er und seine Kollegen in Diskotheken, bei Modevorführungen oder Schlagerveranstaltungen als Ansager auftreten und ihre Gehälter aufbessern.

Programmdirektor Stoldt hält Timm Elstner für einen Glücksfall: "Frank hat Abitur und eine dreijährige Schauspielausbildung." Ein anderer Sprecher war Friseur. Insgesamt sind es fünfzehn. Sie verdienen monatlich zwischen 1200 und 1800 Mark und sagen die Sendungen ohne Manuskript an. Sie sind Programmgestalter, Kommentatoren und Ansager in einer
Person. Das flüssige Stegreif-Geplapper beherrschen sie wie
Society-Löwen den "small talk".

Frank, Atze, Helga und die übrigen von Radio Luxemburg manipulieren den Marktwert der Schlagerstars, mit denen sie auf Du und Du stehen. Niemand redet ihnen herein, wenn sie eine Platte auflegen. Die Leichtigkeit ihrer Ansagen prägt den Charakter des Senders. Sie orientieren sich am Geschmack der Masse, deren Lieblinge sie auf Biegen und Brechen zu sein haben. Timm Elstner sagt: "Mann kann sich in einer einzigen Sekunde selbst abschießen, wenn man nur einmal arrogant wirkt.

Monatlich bewerben sich zwischen dreißig und fünfzig junge Leute als Sprecher bei Stoldt, aber höchstens einer davon wird zur Mikrofon- und Intelligenzprobe nach Luxemburg gebeten. "Sie müssen", sagt der Programmdirektor, "persönliche Ausstrahlung haben und wenigstens auch die geläufigsten Fremdwörter richtig aussprechen können." Bewähren sie sich im Probemonat, erhalten sie einen festen Vertrag. Und damit dürfen sie sicher sein, dass sie fürderhin aus Hörerkreisen mit Heiratsanträgen und guten Ratschlägen versorgt werden.

Als Sprecher nicht gefragt sind Discjockeys aus Beat-Schuppen, mit denen Helmut Stoldt keine guten Erfahrungen gemacht hat: "Die treffen selten den richtigen Ton."

Inzwischen hat der Direktor seinen Sparstrumpf in den Himmel gehängt. Helmut Stoldt rechnet damit, dass er in vier Jahren ein kommerzielles Luxemburg-Fernsehprogramm über Satelliten, die direkt vom Empfangsgerät aus angezapft werden, ausstrahlen kann. Der Einfluss der Weißmacher und anderer unkontrollierbarer Kräfte auf die Meinungsbildung in der Bundesrepublik, aus der der Sender seine höchsten Einnahmen bezieht, wird sich dann nicht einmal mehr abschätzen lassen. 





Foto: © RTL RADIO

Dachaussicht auf dem Turm der Villa Louvigny.



Programmdirektor Helmut Stoldt mit Frank Elstner.


Zwei Fotos aus dem Buch

Frank erhält wöchentlich rund dreitausend Briefe zumeist jugendlicher Verehrerinnen und Verehrer, für die er ein Star ist.



Spaß im Studio



Inge sortiert die Post



Das Team auf der Kirmes
unten: Villa Louvigny 1967


Fotos: © Archiv Friedel Weiß