Interviews
mit Radioleuten und Radiomachern

Berlins Radio-Trendsetterin - Carola Jung moderiert und koordiniert das Programm
bei ENERGY in der Hauptstadt

Junges Radio in der Hauptstadt zu machen, ist eine spannende aber keinesfalls einfache Aufgabe. Die Angebote sind beinahe unüberschaubar und die Konkurrenz ist groß. ENERGY Berlin - mittlerweile Berlins dienstältester Privatsender - hat seit 15 Jahren ein gutes Gespür für kreative Programmmacher. Carola Jung ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Gekonnt und authentisch gelingt ihr der Spagat zwischen flippiger, frecher Moderation und bodenständiger, teamorientierter Programmarbeit. In ihrer Sendung »DJ’s@work« spielt sie die angesagteste Musik für Berlin und im »Carola Trend Report« berichtet sie über die neusten Trends aus den Bereichen Handy, iPod, Websites, MP3-Player und neue Technologien. Im Programm setzt sie Trends für junges, verrücktes Radio. Wer hörte, wie Carola in den letzten Jahren als „Läster-Schwester“ mit den kleinen und großen Problemen der Stars und Sternchen umging, lernte ihre ganze Humorbandbreite von feiner Ironie bis zu bissigen Pointen kennen. Wer ihre Einstellung zur Arbeit und ihren Umgang mit Menschen erlebt, ahnt, wovon das ENERGY-Team in Berlin bei Carola Jung wohl am meisten profitiert. 

Carola, die Liebe zum Radio beginnt oft schon in frühester Kindheit. Wie sah es bei dir aus? An wen kannst du dich besonders erinnern?

Da ich in Bamberg geboren, dann aber durch viele Umzüge in München, Krefeld, der Schweiz und Hannover aufgewachsen bin, gibt es sehr viele Erinnerungen. Als Kind war ich vor allem Bayern 3-Fan, hab’ hier noch den unvergleichlichen Thomas Gottschalk erlebt, als Jugendliche war Antenne Bayern mein Favorit. Natürlich wurden von mir abends und nachts auch Songs unter der Bettdecke mit anmoderiert. Neben dem Radio habe ich Hörspiele geliebt. Ob Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen, Sindbad - der Seefahrer - ich habe sie alle gehört, damals noch üblicherweise auf Schallplatte. 

Der Sprung vom Radiofan zum Radiomacher passiert oftmals eher zufällig. Wer hat dir den entscheidenden Anstoß gegeben?

Eindeutig meine Mutter. Sie dachte, ich hätte da etwas Talent für und war auch für meine Blindbewerbung an der Akademie für Neue Medien / Journalistenschule in Kulmbach verantwortlich. Nachdem ich den Aufnahmetest bestand und angenommen wurde, bekam ich eine Begabtenförderung. Für ein Jahr war ich dort extrem viel beschäftigt - oftmals von morgens um Acht bis abends um Zwölf. Mir hat die Verbindung von Theorie und praktischem Teil wirklich gut gefallen. So konnte man unter Anleitung aber auch selbstverantwortlich in allen Facetten des Radios wie Nachrichten, Kommentar oder Glosse fit werden, es gab Interviewtraining und man lernte Musikuhren zu bauen. 

Am meisten hat mein Talent Anette Anthoni gefördert, deren großer Fan ich schon bei Antenne Bayern war und die mich gut auf den Radioalltag vorbereitet hat. Es gab dabei zwischen uns auch einige harte Auseinandersetzungen, die mich letztendlich aber weiter gebracht haben. Ich habe viel von Anette gelernt und wir sind heute befreundet. Bei den Dozenten sind mir auch André Grabowski (heute bei N 24), Jörg Wohlgemuth (RTL Nord) und Markus Kahn (für den Bereich Produktion) in sehr guter Erinnerung. Am Ende meiner umfassenden Ausbildung wurde ich dann für eine Probewoche zu 104.6 RTL nach Berlin vermittelt. Damit war ich in der Hauptstadt…

Das klingt geradezu märchenhaft. Im Rückblick hätte es nicht besser laufen können, oder?

Mir ist das Glück damals wirklich in den Schoß gefallen. Ich kam zu einem professionellen Sender in einer schönen Stadt. Für ein Küken ist das natürlich schon ein Sprung ins eiskalte Wasser. Ganz alleine in das große, neue Berlin, wo ich vorher noch nie gewesen bin.

Mein zweijähriges Volontariat absolvierte ich damals bei »Arno und die Morgencrew«, wo ich Katja Stuff als Wetterfee vertreten hab’ und am Samstagmorgen das „Best of“ der Woche moderieren konnte. Als Teil der Crew schrieb ich auch an der Comedy mit und überlegte mir möglichst originelle Gewinnspiele. In lustiger Erinnerung habe ich immer noch die „Schlacht der Geschlechter“, wo Arno zum Beispiel, als die Männer verloren hatten, mit nacktem Hintern über den Kudamm rennen musste. Faszinierend waren auch die zehn Tage mit der Crew, die wir live aus Hongkong zur Übergabe der Kronkolonie an China gesendet haben.

Dann war dein Volo vorbei und ENERGY Berlin klopfte an die Tür…

Ich hatte auch mit ENERGY geliebäugelt. Mir gefiel das tolle Musikformat, vom Alter fühlte ich mich da zugehörig und so bin ich direkt dorthin gegangen. Bei ENERGY Berlin konnte ich mich weiter entwickeln, und das Gelernte von 104.6 RTL aufstocken. Das merkte ich, als mich ein ehemaliger Kollege von dort anrief und sagte, „deine Sendung klingt wahnsinnig toll“. Letztendlich war ich selbst für die Programminhalte verantwortlich, konnte meine Ideen einbringen und konzeptionell umsetzen. Für den eingeräumten Freiraum bin ich noch heute wahnsinnig dankbar. Das ist auch ein großes Plus von ENERGY: Hier wird sehr stark die Kreativität von Leuten gefördert und sich mit ihrer Persönlichkeit auseinandergesetzt. Schon alle Volontäre arbeiten am Gesamtprodukt mit. Bei ENERGY Berlin habe ich gelernt, frei zu denken, aber trotzdem die Radioregeln einzuhalten. 

Auch der Sprung durch alle Tagesschienen - erst 18 bis 22 Uhr, dann 14 bis 18 Uhr und jetzt 10 bis 14 Uhr - war eine gute Schule, das Gesamtprogramm zu verinnerlichen. Letztendlich ist alles möglich, wir haben auch kranke und verrückte Sachen im Programm, wo andere den Kopf schütteln würden. Sehr wichtig ist mir der Kontakt zu den Hörern. Es gibt wirklich noch regelmäßig Feedback und sie melden sich auch, wenn es etwas Neues gibt oder sie zu einem Beitrag eine Frage haben. Alle kriegen eine Antwort, möglichst sogar noch am selben Tag. Schließlich machen wir nicht Radio nach unserem Geschmack für die Hörer sondern sie sollen das bekommen, was sie sich wünschen. Deshalb wandern auch die Mails unserer Hörer nicht in den Papierkorb.

Im Februar 2004 wurdest du Chefmoderatorin. Was kam damit an neuen Aufgaben auf dich zu?

Zugesagt habe ich, weil ich gerne Verantwortung übernehme. Ich bin seit 1999 bei ENERGY Berlin - zu diesem Zeitpunkt waren es also schon fünf Jahre - und ich verfügte schon über einen gewissen Erfahrungsschatz. Mein Baby ist und bleibt die Moderation. Ich mag es unglaublich gern zu moderieren und es freut mich, wenn ich Erfahrungen weitergeben kann, die andere vielleicht vor Fehlern bewahren können. Damals war ich auch an dem Punkt gewesen, wo ich mir diese Arbeit zutraute. Entscheidend ist für mich, dass bei all unseren Moderatoren die Persönlichkeit unverstellt rauskommt. 

Viele Programmdirektoren fordern „Personality“, lassen die Leute dann aber nicht so sein wie sie sind. Ich mag diese aufgesetzten „Fake-Personalities“ absolut nicht. Unsere Moderatoren sollen im Supermarkt wieder erkannt werden und dort genauso klingen wie auf dem Sender. Das heißt auch, dass sie ihren Sprachgebrauch beibehalten und ihren gewohnten Wortschatz verwenden. Jede Einschränkung wäre hier auch eine Beschneidung der jeweiligen Persönlichkeit.

ENERGY Berlin steht auch für verrückte Aktionen und spektakuläre Gewinnspiele. Was ist dir selbst davon noch in Erinnerung?

Zum Beispiel die „Reise ins nächste Jahrtausend“, wo wir zwei Studenten rund um die Welt geschickt haben. Oder all die verrückten Dinge, die rund um „Mission Impossible“ passierten. Man glaubt gar nicht, wozu Menschen alles fähig sind, wenn sie bestimmte Dinge erreichen oder begehrte Konzert-Tickets gewinnen wollen. Sehr schön fand ich auch unsere Live-Sendungen von 14 bis 19 Uhr während der Fußball-WM direkt aus der adidas-World of Football vorm Reichstag. Wunderbar ist immer »NRJ in the park« im Strand-bad Wannsee. Nicht nur das Line Up ist jedes Jahr grandios, auch die Hörer aller deutschen ENERGY-Sender dort vereint zu sehen, ist ein tolles Gefühl.

Du hast auch einige Ausflüge zum Fernsehen - als Wetterfee oder Testerin bei „bizz“ - hinter dir. Wo war dir dort deine Radioerfahrung nützlich und was konntest du vom visuellen zum akustischen Medium mitnehmen?

Durchs Radio habe ich ein gutes Timing bekommen. Das war mir gerade bei meiner Wettermoderation für SAT.1, ProSieben und N 24 sehr nützlich. Viele TV-Moderatoren schreiben ihre Texte nicht mehr selbst sondern lesen sie nur noch vom Prompter ab.

Da war ich vom Radio natürlich schon anderes gewohnt. Umgekehrt habe ich beim Fernsehen noch mehr Sicherheit bei dem bekommen, was ich tue und auch genau einzuschätzen gelernt, was ich mir abverlangen kann. Man muss aber aufpassen, dass mehr Zutrauen nicht zu schnell zur Routine wird. Anfangs dachte ich, beim Fernsehen würde es unglaublich viel Mobbing geben. Aber ich habe das Gegenteil erlebt. Die Leute hinter der Kamera, in der Regie oder die Visagistin sind mir alle ganz doll ans Herz gewachsen. Ich hatte nie Probleme mit anderen Kollegen, habe mich aber auch aus allen Zickenkriegen rausgehalten. Jessica Witte-Winter, Gaby Papenburg, Mareile Höppner, Jochen Sattler oder Hans-Hermann Gockel sind für mich gute Beispiele für einen menschlichen und angenehmen Umgang. 

Seit Juli 2005 bist du nun auch stellvertretende Programmdirektorin und damit für das gesamte Tagesgeschäft verantwortlich. Was bedeutet das für dich?

Zunächst einmal, dass ich mich um alle Belange rund um Moderation, Redaktion, Musik, Produktion, Promotion kümmere und die Verzahnung mit dem Programm herstelle. Ich bin diejenige, die guckt, was ins Programm in welcher Form reinkommt. Damit läuft praktisch alles, was mit Programm zu tun hat, über meinen Schreibtisch. Regelmäßige Meetings sind bei uns vor allem für den großen Austausch da. Wichtig ist, dass eins ins andere übergeht und das Team denselben Informationsstand hat. Bei mir steht den ganzen Tag die Bürotür offen und alle Mitarbeiter können gern reinkommen. Sie haben meine Telefonnummern, können mich immer erreichen, wenn es Fragen oder Probleme gibt. Mir ist es auch wichtig, möglichst mit allen Mitarbeitern jeden Tag Kontakt zu haben. Ich nehme mir die Zeit, bei der einstündigen Redaktionskonferenz dabei zu sein, es gibt tägliche Airchecks mit den Morningshow- und Nachmittagsmoderatoren. 

Mein Ziel ist, nicht nur im Büro zu sitzen und vor mich hinzuwerkeln sondern immer auch den direkten Programmkontakt zu haben. Als Programmchef ist man vor allem ein guter Psychologe, der sich auch um die soziale Komponente bemüht und für das Teamwork verantwortlich ist. Bei mir sitzen lachende und auch mal weinende Mitarbeiter im Büro. Wenn ich frage, „wie geht es dir“, meine ich, wie geht es dir privat und nicht wie funktionierst du auf der Arbeit. Moderatoren sind im Prinzip sensible Künstler, mit denen man entsprechend umgehen sollte. Ein schlechter Tag färbt sich sonst auf’s Programm ab.

Wie fällt dein persönliches Fazit nach sieben Jahren ENERGY Berlin aus?

Ich bin sehr froh bei ENERGY Berlin zu arbeiten. Die Senderkette ist wie eine Familie, alle gehen super locker und entspannt miteinander um. Wir verbringen mittags und nachmittags unsere Pausen zusammen und sind auch abends gemeinsam unterwegs. Sieben Jahre ENERGY waren bisher eine sehr schöne Erfahrung. Das ging schon mit Tim Grunert los, der mich damals als Moderatorin eingestellt hat und führt hin bis zu David Schürger, der mir dann das Programm anvertraute! Berlin ist aber für mich nicht nur die Stadt, in der ich arbeite. Hier habe ich das Gefühl zu Hause zu sein. Das merke ich immer, wenn ich mit dem Auto oder Flieger nach Berlin zurückkomme. Ich mag die Freiheit und das Internationale hier, die vielen Menschen drum herum. Neben London und Paris ist Berlin für mich die tollste Stadt. Hier habe ich mir auch meinen Freundeskreis aufgebaut. Nach Bayern fahre ich vor allem, um meine Familie zu besuchen.

Stefan Förster
Aus RADIOJournal 8/2006



»... Mein Baby ist und bleibt die Moderation. Ich mag es unglaublich gern zu moderieren und es freut mich, wenn ich Erfahrungen weitergeben kann, die andere vielleicht vor Fehlern bewahren können. Damals war ich auch an dem Punkt gewesen, wo ich mir diese Arbeit zutraute. Entscheidend ist für mich, dass bei all unseren Moderatoren die Persönlichkeit unverstellt rauskommt ... Unsere Moderatoren sollen im Supermarkt wieder erkannt werden und dort genauso klingen wie auf dem Sender. Das heißt auch, dass sie ihren Sprachgebrauch beibehalten und ihren gewohnten Wortschatz verwenden. Jede Einschränkung wäre hier auch eine Beschneidung der jeweiligen Persönlichkeit...«



»... Als Programmchef ist man vor allem ein guter Psychologe, der sich auch um die soziale Komponente bemüht
und für das Teamwork verantwortlich ist. Bei mir sitzen lachende und auch mal weinende Mitarbeiter im Büro. Wenn ich frage, 'wie geht es dir', meine ich, wie geht es dir privat und nicht wie funktionierst du auf der Arbeit. Moderatoren sind im Prinzip sensible Künstler, mit denen man entsprechend umgehen sollte. Ein schlechter Tag färbt sich sonst auf’s Programm ab...«




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Bei ENERGY Berlin habe ich gelernt, frei zu denken, aber trotzdem die Radioregeln einzuhalten...« 



• Carola Jung war von 1999 bis 2009 für ENERGY Berlin tätig, zuletzt als Programmdirektorin. Anschließend hat sie die Programmdirektion von
ENERGY Sachsen übernommen. Sie verantwortet die on air Programmgestaltung sowie die strategische Programmentwicklung des Senders.

Fotos: © Energy Berlin

www.carola-fanpage.de

Seit März 2012 ist Carola Jung Programmchefin bei RADIO PSR. www.radiopsr.de