Der Kaffee ist fertig...
»Auch gute Nachrichten sind Nachrichten«
(Leitsatz von Frank Elstner, ehemaliger Programmchef von Radio Luxemburg)


 

 

»Wir haben in den Köpfen gewonnen«

Dienstag, 15. Februar 2011,
16.05 Uhr – SWR2 Impuls:
Esther Saoub eine Stunde live aus Kairo
Am Mikrofon: Doris Maull

 

 

Doris Maull: Zum Schluss noch mal die Frage an Sie: Wie würden Sie für sich ganz persönlich die Erfahrungen der letzten Wochen zusammenfassen. Was hat Sie am meisten beeindruckt, und wie sehen Sie die Zukunft Ägyptens.

Esther Saoub: Also am meisten hat mich beeindruckt die unfassbare Friedlichkeit der Bevölkerung hier. Mein Kollege Martin Durm hat zwischendurch mal gesagt: Als der Mubarak das letzte Mal geredet hatte und alle gedacht haben, jetzt tritt er zurück, und er hat immer noch gesagt, ich halte an der Macht fest, da hat Martin Durm gesagt: wenn die jetzt ruhig bleiben, dann haben die den Friedensnobelpreis verdient. Besser kann mans eigentlich nicht ausdrücken. Alle haben gedacht, Mensch jetzt müssen die doch austicken, nein, sie sind nicht ausgetickt, sie haben einfach nur ihre Schuhe hochgehoben und mit einem Symbol geantwortet. Sie haben auch wieder gerufen, sie hatten schon wieder Sprüche bereit. Geh doch nach Saudi-Arabien, ist noch zu schade für dich und solche Sachen. Aber sie haben ruhig gehalten, sie haben sich prügeln lassen, stundenlang bevor sie angefangen haben, die Steine zurückzuwerfen. Das dann allerdings mit ziemlich viel Effekt. Und, das hat mich am meisten beeindruckt, dass das möglich war und zwar ohne eine Führungsfigur, ohne einen Ghandi oder einen Martin Luther-King.

Es war einfach diese ganze große Masse, die es geschafft hat ihren Willen durchzusetzen durch diese beharrliche Friedlichkeit. Das bringt mich auch auf den zweiten Teil Ihrer Frage: Ich glaube das ist eine Kraft, die sie weit bringen wird jetzt für die Zukunft. Das Gefühl, wir haben es geschafft, wir schaffen was wir wollen, und das Gefühl: wir gehören zusammen, wir halten zusammen.

Einer der Demonstranten hat mir schon zwischendrin, als überhaupt noch nicht klar war, wies weitergeht, gesagt: Wir haben schon gewonnen, wir haben in den Köpfen gewonnen. Es ist hier etwas entstanden was man nicht zurückdrehen kann, und zwar diese Gewissheit, dass man sagen kann was man will. Dass man seinen Willen ausdrücken kann, das man für die Freiheit kämpfen kann.

Jetzt ist natürlich ganz schwierig wie man das in Politik übersetzt, wie man eine demokratische Gesellschaft hinkriegt in einem Land, in dem viele Leute Analphabeten sind, in dem die Leute so weit verstreut leben, in dem die Bildung so schlecht ist etc. Man könnte das jetzt schnell kaputt reden was hier passiert ist. Es wird ganz schwer werden, da bin ich sicher. Aber ich glaube sie haben eine Energie gesammelt, die sie weit bringen kann, wenn sie die behalten, die Energie und ihren unglaublichen Humor.

Doris Maull: Also insgesamt ein doch optimistischer Blick in die Zukunft. SWR2 Impuls war das, heute mit Esther Saoub, der ARD-Hörfunkkorrespondentin in Ägypten. Sie hat uns von ihren ganz persönlichen Erfahrungen während der vergangenen Tage der Revolution berichtet.

Esther Saoub studierte Islamwissenschaft, Literatur und Judaistik in Berlin und Damaskus. Nach dem Magisterabschluss volontierte sie beim SDR beziehungsweise SWR in Stuttgart und Baden-Baden. Esther Saoub arbeitete für die Redaktion Zentrale Information und Landeskultur im SWR-Hörfunk. Seit dem Jahr 2000 übernahm sie regelmäßig Urlaubsvertretungen im ARD-Studio Kairo und ist seit dem 1. Juli 2006 als ARD-Hörfunk-Korrespondentin dort tätig. Ihr Mann stammt ursprünglich aus Syrien. Esther Saoub beendete im Juli 2011 nach fünf Jahren ihren Dienst in Kairo und kehrte nach Stuttgart zurück. Sie arbeitet dort in der SWR-Fachredaktion Religion, Kirche und Gesellschaft.

Fotos: © SWR
www.swr2.de

»SWR2 Impuls«
Das Magazin für Neugierige und Wissensdurstige
Montag bis Freitag 16.05 – 17.00 Uhr

Auch als Podcast abrufbar

Wenn Sie hier im Studio von Eins zu Eins die Augen schließen und an Ägypten denken, was riechen Sie?
»Leider nicht wirklich was Schönes. Ich rieche so eine Mischung aus Abgasen, die eigentlich nie weg sind, bisschen Müll, Staub - der hat auch n' Geruch. Aber es ist für mich ein angenehmer Geruch. Es ist in der Tat so,
dass immer, wenn ich nicht nur nach Ägypten, sondern überhaupt in Länder im Nahen Osten fliege, und dann
aus dem Flugzeug steige, und meist ja diesen Geruch
als erstes wahrnehme - ist es so ein Gefühl von: jetzt
bist du da.«

(Esther Saoub, ehemalige ARD-Hörfunk-Korrespontentin im Studio Kairo. 'Eins zu Eins. Der Talk' mit Daniela Arnu. Bayern 2, 27.7.2011)

 
»A Hard Day's Night. Na ja, das passt immer!«

"Es gibt zwei Sichtweisen. Auf der einen Seite gibt es immer Dinge, die man kritisiert. Aber, wenn Sie mal ein paar Monate im Ausland waren, zurück kommen und dann im Deutschen Fernsehen Nachrichten sehen (Tagesschau, heute journal, Tagesthemen), dann werden Sie feststellen, das sind mit die besten Nachrichtensendungen der Welt. Sie können in Frankreich 40 Minuten Nachrichten hören und wissen hinterher nicht was passiert ist ... man kann nicht an allem, was auch noch so gut ist, immer etwas kritisieren. Mich hat gestört ... da streuen Leute irgendwelche Begriffe und Worte über einen Bildteppich und meinen, das wirkt dann. Da bin ich der Meinung: Ein schöner Text, der macht das Stück noch besser."

Was darf und soll
gezeigt werden?

"Man hat einen Informationsauftrag. Ganz wichtig ist immer, dass
man keine Informationen unterdrückt, von denen man meint, die müssten gezeigt werden. Im Rahmen einer Information kann es aber vorkommen, dass Sie Bilder sehen, wo Sie sagen,
die verletzen die Menschenwürde. Ich glaube, dass auch der Journalismus die Menschenwürde wahren muss. Er kann sie auf zwei Arten verletzen: Indem er Bilder von einer Person zeigt, die durch die Art und Weise wie sie dargestellt wird, in ihrer Würde verletzt wird. Das zweite ist die Würde des Zuschauers ... Man muss das so nicht zeigen. Die Nachricht selbst wird dadurch nicht unterdrückt."

Ist Journalismus
ein hartes Geschäft?

"Ich muss Ihnen sagen, Journalismus ist ein wunderbares Geschäft. Das ist auch gar kein Geschäft, das ist eine Beschäftigung. Ich habe bis zum letzten Tag die 'Tagesthemen' mit großem Vergnügen gemacht, weil es eine so kreative Arbeit ist. Eine Sendung zu machen und immer zu versuchen, an dem Tag an dem man dran ist, die beste Sendung zu machen, das gelingt nicht immer - dann macht man am nächsten Tag eine bessere Sendung. Dieses ständige Kämpfen um eine Sendung ist sehr kreativ."

(Ulrich Wickert, ehemaliger
Mr. Tagesthemen, "Frankophiler Kriminaler" ['Das achte Paradies' - Internationaler Finanzbetrug, der weitreichende Arm der georgischen Mafia und ein Mann, der nicht er selbst sein kann: Ulrich Wickert gönnt seinem Richter Jacques Ricou keine Ruhepause und schickt ihn in seinem vierten Krimi von Paris über Berlin bis an die französische Riviera], hr2-kultur Doppel-Kopf, mit Ulrike Schneiberg, 8.12.2010)



»Das Entscheidende ist ja, in einer Demokratie kann eine Regierung immer nur wesentliche Veränderungen bringen, wenn die Bevölkerung,
die Wähler, damit einverstanden sind
oder darauf vertrauen, dass das einigermaßen richtig ist.«

(Roman Herzog, Alt-Bundespräsident. 'Eins zu Eins.
Der Talk' mit Daniela Arnu.
Bayern 2, 4.11.2011)