
UK RADIO AID - Drei Millionen Pfund für Flutopfer
Was die Holländer können, das können wir schon lange, müssen sich einige Leute in der britischen Radioindustrie gedacht haben und starteten am 17. Januar 2005 eine ganztägige Wohltätigkeitssendung für die Opfer der Flutkatastrophe in Südostasien. Die Nachbarn auf der anderen Seite des Ärmelkanals hatten es Anfang Januar vorgemacht und mit der Sondersendung „Radio 555“ Spenden in Höhe von fünf Millionen Euro gesammelt.
Mit einem erstklassigen Aufgebot an Moderatoren und Gästen ging das Programm „UK Radio Aid“ über mehr als 260 Stationen in den Äther. Fast alle kommerziellen Radiosender waren beteiligt, die landesweiten Networks, viele Studenten- und Krankenhausradios, der britische Soldatensender, und hinzu gesellte sich die Verbreitung via DAB, Satelliten (WRN) und als Internet-Livestream. Alle räumten für zwölf Stunden von 6 bis 18 Uhr Ortszeit den Programmplan frei, um „UK Radio Aid“ zu übertragen. Was, man muss es als Kuriosum bemerken, dazu führte, dass etwa „Classic FM“ zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal die Rolling Stones im Programm hatte...
Am
Ende des Radiomarathons konnten die Initiatoren ein Spendenergebnis
von drei Millionen Pfund (ca. 4,5 Millionen Euro) vermelden. Hörer
waren aufgerufen worden, einen Stundenlohn über die Webseite von „UK
Radio Aid“ zu spenden oder eine SMS zu schicken, bei deren Versand
automatisch £ 1,50 an die Aktion abgeführt wurde. Prominente, die in
großer Zahl im Programm auftauchten, spendeten attraktive Preise,
die auf einer eigens eingerichteten Ebay-Seite ersteigert werden
konnten. So konnte man mit dem Sänger George Michael und dessen
Lebensgefährten essen gehen, eine Einladung zum königlichen
Zuschauerbereich beim Royal-Ascot-Pferderennen ergattern oder mit
Tony Blair im Amtssitz des Premiers Tee schlürfen. Alle beteiligten
Stationen führten die finanziellen Erlöse eines Sendetages an die
Aktion ab.
Im Bild: Star-DJ Chris Evans mit
dem britischen Premierminister Tony Blair; oben:
Radiolegende Tony Blackburn.
Programmatisch war die Aktion ebenfalls ein Erfolg, und die Liste der Moderatoren und Gäste liest sich wie ein Who is Who des britischen Entertainment. Zum ersten Mal seit drei Jahren war Star-Discjockey Chris Evans, der sich 2001 im Streit von Virgin Radio getrennt hatte, wieder im Radio zu hören. Evans fragte Premierminister Blair im Interview, wie man den betroffenen Ländern helfen könne, und er wollte auch wissen, welche Klingeltöne Blairs Handy spielt. Johnny Vaughan, Morgenmoderator von Capital FM, gestaltete zwei Stunden am späten Nachmittag, sein Vorgänger Chris Tarrant, der auch der Erfinder von „Wer wird Millionär?“ ist, schaute vorbei. Zoe Ball, ehemals bei BBC Radio 1, hatte Sänger Ronan Keating zu Gast, der - wie viele andere Musiker auch - einen Song live vortrug. Sharon Ossbourne moderierte gemeinsam mit DJ-Legende Tony Blackburn, und die beiden hatten unter anderem Bryan Adams, Mel C und Scissor Sisters zu Gast.
Aber
wo viel Licht ist... So konnte man wieder einmal feststellen, dass
nicht alle, die im Bereich des Showbiz einen großen Namen tragen,
sich für die Moderation im Hörfunk eignen. Die unsägliche
Big-Brother-Gewinnerin Jade Goody ließ sich nur ertragen, wenn man
sich ständig den wohltätigen Charakter der Aktion vor Augen führte.
Im Bild: Katie & Simon von Hit 40 UK im Gespräch mit Bryan
Adams.
Und um den ging es letzten Endes auch. Wobei nicht vergessen werden darf - immerhin fand alles im Bereich des kommerziellen Rundfunks statt - dass sich die Beteiligten kräftig ins Gespräch bringen konnten. Die auf „Celebrities“ (Prominente) eingeschworene britische Presse erhielt an nur einem einzigen Tag „UK Radio Aid“ genug Material für eine umfangreiche Berichterstattung. Lediglich eingefleischte Fans des öffentlichen Rundfunks erfuhren vom Ereignis nur am Rande, schließlich war die gute, alte Tante BBC nicht mit von der Partie.
Thomas Völkner
Fotos: © ukradioid.com
Aus RADIOJournal 2/2005
