Rundfunk
für ethnische Minderheiten
in Europa:
Die Sorben und
ihre Programme
Fährt man im Süden Brandenburgs über die Landstraße, so fallen sie ins Auge: Zweisprachige Orts- und Hinweisschilder. Im Gebiet zwischen Spreewald und den Lausitzer Bergen wohnt nämlich ein slawisches Volk, die Sorben oder Wenden. Von ihnen leben noch heute rund 70.000 in Brandenburg und dem angrenzenden Sachsen. Über Jahrhunderte hinweg hat dieses autochtone Völkchen seine Sprache und kulturelle Traditionen gepflegt und erhalten. Der besondere Programmauftrag des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) [heute Rundfunk Berlin-Brandenburg / rbb] und des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) ist es, dieses kulturelle Erbe mit Leben zu erfüllen und zu fördern.
Slawische Stämme besiedelten im Zuge der Völkerwanderungen das Gebiet östlich der Elbe-Saale-Linie. In der Oberlausitz finden sich heute die Nachfahren der Milzener und in der Niederlausitz diejenigen des Stammes der Lusizer. Die erste erkundliche Erwähnung findet man 631 n.Chr. in der Chronik des Fredegar. Mit der Christianisierung ging eine militärische Eroberung einher: bereits um 990 verliert mit den Milzenern der letzte sorbische Stamm seine Unabhängigkeit. Im 12. und 13. Jahrhundert wandern fränkische, flämische, thüringische und sächsische Bauern ein. Dennoch bilden Sorben zu Beginn des 13. Jahrhunderts noch immer 90 Prozent der Bevölkerung zwischen Saale und Bober/Queis. Die herrschende Schicht jedoch rekrutiert sich ausschließlich aus deutschen Eroberern. 1293 und 1327 wird die sorbische Sprache zum ersten Mal verboten. 1543 findet man dennoch mit der Übersetzung der "Wendischen Taufagende" das älteste Zeugnis sorbischer Kirchenliteratur; 1548 wird zum ersten Mal das Neue Testament durch Miklaws Jakubica ins Sorbische übersetzt. Im 30-jährigen Krieg schrumpfen die sorbische Bevölkerung und das sorbische Sprachgebiet.
1815
findet auf dem Wiener Kongress eine territoriale Neugliederung des
sorbischen Siedlungsgebietes statt; als Folge davon gerät die
sorbische Bevölkerung in fast allen Kreisen in die Minderheit. 1854
werden im Rahmen der ersten großen Auswanderungswelle sorbische
Siedlungen in Texas und Australien gegründet. In der Weimarer
Republik ermöglicht die Verfassung ein regeres kulturelles und
politisches Leben. Im Dritten Reich werden dann Versuche zur
physischen und psychischen Ausrottung des Sorbischen Volkes
unternommen. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und späteren
DDR blüht unter staatlicher Förderung die kulturelle und sprachliche
Eingenständigkeit wieder auf. 1948 zum Beispiel beschließt der
Sächsische Landtag das "Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen
Bevölkerung". 1956 zerstört der Braunkohletagebau sorbische Dörfer
und ihr Umfeld - hiergegen protestierten sorbische Intellektuelle
Seite an Seite mit sorbischen Bauern. 1964 führt die Neuregelung des
sorbischen Schulunterrichtes zu einem starken Rückgang der
Teilnehmerzahlen am sorbischen Sprachunterricht. Nach der Wende
dauerte es noch bis zum 19. April 1992, bis die erste sorbische
Fernsehsendung beim ORB ausgestrahlt wurde.
Das Sorbische gliedert sich hauptsächlich in das Obersorbische in der Oberlausitz, dem Tschechischen näher verwandt, und das Niedersorbische in der Niederlausitz, dem Polnischer näherstehend. Seit 1948 gab es unregelmäßig Sendungen in sorbischer Sprache, ausgestrahlt von den Sendern Dresden und Leipzig in Ober- und über den Sender Potsdam in Niedersorbisch. Die anfängliche Sendezeit von 70 Minuten pro Woche konnte im Lauf der Jahre erweitert werden. Eine eigene Sorbische Redaktion wurde am 22. März 1953 beim Rundfunk der DDR gegründet. Heute strahlen MDR 1 RADIO SACHSEN und der rbb wöchentlich 28 Stunden in sorbischer Sprache über UKW 100,4 MHz Hoyerswerda und 93,4 MHz Calau aus. Der Sorbische Hörfunk hat einen Informations-, Kultur- und Bildungsauftrag, den er - bedingt durch die Neugliederung der Länder nach der Wende - in einem Studio des MDR in Bautzen und einem Studio des rbb in Cottbus erfüllt. Es gibt Fernseh-Magazine in sorbischer Sprache, sowie Kinder- und Jugendsendungen. Auch das beliebte »Sandmännchen« im MDR FERNSEHEN ist jeden Sonntag im Zweikanalton deutsch/sorbisch zu empfangen.
Der
sorbische Hörfunk ist Eigenproduzent sorbischer Musik. So sind
bisher über 5.000 Titel verschiedener Genres auf Tonträgern
erschienen. Sie machen den Großteil der ausgestrahlten Musik im
Sorbischen Rundfunk aus. Seit Ende Januar 2007 kann MDR 1 RADIO
SACHSEN - SERBSKI ROZHLÓS auch als Livestream im Internet abgerufen
werden. Der neue Service ermöglicht den sorbischen Hörern überall
online zu gehen und die Radiosendungen in ihrer Muttersprache auch
außerhalb der Oberlausitzer UKW-Frequenz 100,4 MHz zu verfolgen.
Karl Michael Gierich
Foto: © rbb
www.rbb-online.de/sorbisch
www.mdr.de/sorbisches-programm
Aus RADIOJournal 9/1996
